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Volkstanzkreis Rosenheim e.V. Bayern Vernetzt
 

Besuch bei Fa. Stettner, Kolbermoor

24.06.2019

Unser Besuch in der Edelobstbrennerei und Weingroßkellerei Stettner
am 3. Mai 2019

Die beige-roten LKWs mit dem markanten Firmennamen in deutscher Schrift hatte jeder von uns schon oft gesehen und daß beim Stettner in Kolbermoor Schnaps gebrannt wird, wussten wir auch, aber die meisten wohl nicht recht viel mehr. Es war also höchste Zeit, daß Helga Weidenbeck dafür sorgte, daß diese Bildungslücke bei uns geschlossen wurde und dazu eine Firmenbesichtigung arrangierte.

Nach und nach, wie die ersten Tropfen beim Brennvorgang, kamen unsere Mitglieder an und versammelten sich unter dem schützenden Vordach vor dem Empfang, wo uns zur Begrüßung und zum Einstimmen gleich „ein Gefäß hingestellt“ wurde. Danach nahm uns Herr Stettner persönlich in Empfang und gab uns zunächst einen kurzen Überblick über die Firmengeschichte sowie die verschiedenen Geschäftsbereiche des Unternehmens, das heuer sein 70-jähriges Bestehen feiern kann. Schnell merkten wir, daß „der Chef“ sich nicht nur genau mit den Prozessen und Arbeitsvorgängen auskennt, sondern auch mit persönlicher Begeisterung und viel Engagement dabei ist, mit Liebe zum Produkt sowie zur Tradition und Qualität, aber auch viel betriebswirtschaftlichem Wissen. 

Vorbei an den Regalen im Empfangsraum, wo die ausgestellten Flaschen der Stettner’schen Erzeugnisse schon manches „Oh!“, „Ah!“ und „Ui!“ hervorriefen, ging es dann zunächst zum Hoch­prozentigen. Zwischen turmhohen Edelstahltanks und Brennblasen, von denen die kleinste sich auch recht gut für eine Hausbrennerei geeignet hätte, erfuhren wir dann mehr über die Edelbrände und Schnäp­se. Die Bezeichnung „Schnaps“ kommt aus dem Niederdeutschen und leitet sich davon ab, daß der Schnaps in einem schnellen Schluck aus kleinen Gläsern getrunken wird. Auch regionale Bezeichnungen wie „Kurzer“ oder „Stamperl“ (abgeleitet vom Stumpen = Stumpf = kurzes Stück) gehen auf diese Trinkgewohnheit zurück. Schnaps ist dabei der umgangssprachliche Sammelbegriff für Brände und Geiste. Ein „Wasser“ wird durch direkte Vergärung der jeweiligen Früchte, z.B. Zwetschgen oder Süßkirschen und anschließendes Brennen gewonnen, während ein Geist aus unvergorenen Früchten mit geringerem Zuckergehalt, vor allem Beeren, entsteht, bei denen geschmacksneutraler, hochkonzentrierter (80 - 90 Volumen-Prozent)  Agraralkohol das Aroma aus den zerkleinerten Früchten löst. Agraralkohol  - in der Schweiz heißt er Trinksprit (!) - wird meist aus Gerste gewonnen und der Prozess ist der gleiche wie beim Bierbrauen, bevor dem Sud die Hefe zugegeben wird. Im Vorbeigehen verriet ein Blick in einen Etikettenkarton, was beim Stettner alles gebrannt wird – vom „Kerschgeist“ und vom „Willi“ bis zum Mirabellen- und Himbeergeist oder zum Apfelschnaps lasen wir da von vielem, was Gaumen und Magen erfreut und durchaus „geistig“ ist. Damit wir uns selbst davon überzeugen und „be-GEIST-ern“ konnten, gab es vor dem Weitergehen noch eine kleine Probe – und wer kann dazu schon nein sagen? Weniger gehaltvoll sind die Liköre und hier gibt es eine Vielzahl von Früchten, die sich für eine solche Veredelung eignen, neben verschiedenen Obstsorten zählen u. a. auch Nüsse dazu, und wenn man Eier von biologisch gehaltenen Hühnern mit dem hochprozentigen Agraralkohol vermischt, bekommt man Eierlikör, der sowohl „pur“ als auch als Verfeinerung von Kuchen oder Eis viele Liebhaber hat. Dabei wird bei der Firma Stettner strikt darauf geachtet, daß jeder Brand sortenrein ist, also kein Rest des vorherigen Brandes sich mit dem neuen Brand mischen kann. Die damit verbundene Reinigung ist zeit-, arbeits- und kostenaufwändig, macht sich aber durch die Qualität des Erzeugnisses bezahlt.

Beim Stettner entstehen auch die bekannten Chiemseer Kräuterliköre. Die Rezepte für die Kräutermischungen sind ein gut gehüteter Schatz der Ordensschwestern von Frauenchiemsee. Sie kaufen die Kräuter aus biologischem Anbau und schicken die fertigen Mischungen säckeweise nach Kolbermoor, wo sie bei der Firma Stettner über einige Wochen Aromen und Wirkstoffe an ein Wasser-Alkohol-Gemisch abgeben, das dann in Holzfässern reift, bevor es als Chiemseer Kräuterlikör in Flaschen abgefüllt und von Hand versiegelt wird.

Gehaltvoll war auch die nächste Station unserer Führung, und hier lag ein Duft in der Luft, der an unseren Ausflug an den Schliersee und in die Whiskybrennerei Slyrs erinnerte: der „Atem der Engel“, verdunsteter Whisky. Aber es war auch eine etwas strengere Note dabei, die von Gin. Gin erhält seinen Geschmack aus der Aromatisierung mit Gewürzen, darunter vor allem Wacholderbeeren und Koriander, deren Aromen wie beim Geist mit Agraralkohol gelöst werden. Er wird vielfach fürCocktails verwendet, besonders im Martini und im Gin Tonic. Das Holz von Mooreichen verleiht dem Whisky und dem Gin eine besondere Note. Die Flaschen, in die Moorwhisky und Moorgin abgefüllt werden, erinnerten uns an die alten Heilmittelbehälter im Kräuterkammerl der Rosenhei­mer „Alten Apotheke“ und wir kamen zu dem Ergebnis, daß etwas, was wie Medizin riecht und schmeckt und in Medizinflaschen abgefüllt ist, Medizin sein muß. Eine Kostprobe bestätigte unsere Vermutung.

Nach so viel „hochgeistig Gebranntem“ ging es weiter zum Wein. Als Großkellerei bezieht die Firma Stettner Wein aus Ungarn, Österreich, Italien, Frankreich und Deutschland, verarbeitet ihn teilweise weiter und füllt ihn ab. Abgerundet wird der alkoholische Teil der Produktpalette durch verschiedene Importe wie Scotch Whisky oder so etwas Exotischem wie dem brasilianischen Zuckerrohrschnaps Cachaça, mexikanischem Tequila, Cognac und Grappa. Daneben gibt es auch eine breite Palette alkoholfreier Eigenprodukte, von Mineralwassern über verschiedene Säfte bis zu Fruchtschorlen und Energy-Drinks. Wir aber bezogen unsere Energie aus einer ganz anderen Quelle – einer herzhaften Brotzeit, mit viel Liebe hergerichtet und im Probierstüberl serviert. Dabei gab es noch Gelegenheit, bei Herrn Stettner all die Fragen loszuwerden, die sich im Laufe des Rundgangs angesammelt hatten, ehe wir uns nach einem interessanten und schmackhaften Abend auf den Heimweg machten.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Besuch bei Fa. Stettner, Kolbermoor